Psychiatrie Pflichtpraktikum im Bachelorstudium Psychologie – ein Erfahrungsbericht

Im Rahmen des Bachelorstudiums Psychologie ist ein Pflichtpraktikum von 290 Stunden zu absolvieren. Du kannst selbst aussuchen wo, wann und welche Art von Praktikum du machen willst. Die einzige Bedingung: die Stunden müssen von einer ausgebildeten Psychologin/Psychologen betreut werden. Zudem sollte man im Hinterkopf behalten, dass das Praktikum zwar nicht bezahlt wird, aber dennoch eine sehr gute Möglichkeit bietet, Einblick in deinen Zukunftsberuf und Kontakt mit der psychologischen Praxis zu bekommen.

Stationen und Aufgaben in der psychiatrischen Abteilung

Zu Beginn wusste ich auch nicht recht, wo ich mein Praktikum machen sollte und wählte das, wovor ich zum einen am meisten Angst hatte, am aufgeregtesten sein würde und zum anderen das interessanteste und faszinierendste Feld der Psychologie darstellt– die Klinik.

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In meinem Praktikum wurde ich von zwei Klinischen Psychologinnen und einem Psychotherapeuten betreut. Ich durfte auf den Stationen Allgemeine Psychiatrie (Depression, Ängste, Suchtprobleme), Forensik (psychisch kranke Straftäter), Tagesklinik (Burnout, Suchtpatienten, Depression) und Gedächtnisambulanz (Demenz) mitgehen, beobachten und auch tätig sein.

Auf den Allgemeinen Stationen zählten vor allem das Dokumentieren von Erstgesprächen, das Teilnehmen an Gruppentherapien, Psychoedukationsstunden und Teambesprechungen, aber auch kleine Übungen mit den Patienten durchführen, zu meinen Aufgaben. Auf der Forensik war ich bei Intelligenz- und Konzentrationstests anwesend, malte und spielte mit den Patienten. Auf der Tagesklinik hörte ich vor allem den Psychotherapeuten in der Gruppentherapie zu. Selbständig sein durfte man großteils auf der Gedächtnisambulanz. Hier bekam ich die regelmäßige Aufgabe, mit älteren Menschen Demenztestungen durchzuführen, um den Verlauf festzuhalten oder das Auftreten von Alzheimer zu diagnostizieren.

Meine Erfahrungen und Eindrücke

Als Praktikantin bekam ich auf der Klinik ebenfalls eine weiße Hose, ein weißes Shirt, Schlüssel und eine Karte, sodass es öfters vorkam mit „Guten Morgen Frau Doktor“ begrüßt zu werden, was für mich neu und irgendwie sehr aufregend war. Man wurde von den Menschen und Patienten, sobald man die weiße „ärztliche“ Kleidung anhatte, ganz anders wahrgenommen.

Mein Praktikum an der psychiatrischen Klinik zählt für mich zu den bedeutendsten und einprägendsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben bisher machen durfte. Ich habe mit Patienten geredet, schlimme Lebensgeschichten gehört, musste mir Tränen verkneifen und konnte sehen, wie psychische Erkrankungen, von denen man theoretisch in den Vorlesungen lernt, wirklich am Menschen aussehen. Wie reden Psychologen mit Patienten und wie reagiert man auf bestimmte Aussagen. Ein ebenso interessantes Gespräch, war jenes mit einer schizophrenen und einer magersüchtigen Patientin.

Ich konnte sehen, wie die Patienten leiden, wie ihnen geholfen wird und wie schlimm es ist, dass die Psychiatrie in der Gesellschaft dermaßen von negativen Stigmata behaftet ist. Es ist nicht schlimm, psychisch krank zu sein – und mein Fazit nach meinem Praktikumsmonat: das sind alles normale Menschen. Nicht das Verrückte, was man in Filmen sieht oder die Horrogeschichten, von denen man liest. Wie konnte ich privat mit meinen Praktikumserfahrungen umgehen? Ich muss sagen, zu Beginn war es wirklich schwer, zu hören, wie jemand an Suizid denkt, oder nicht mehr essen will. Es war schwer die Schicksalsschläge aufzunehmen und die traurigen Gesichter anzusehen. Aber mit der Zeit nahm der Gedanke zu, wie wertvoll es ist, diesen Menschen zu helfen. Das Abgrenzen von den Geschichten fällt natürlich am Anfang ziemlich schwer, und lernt man auch erst mit den Berufsjahren und mit den Erfahrungen im klinischen Alltag.

Fazit zum Praktikum in der Psychiatrie

Alles in allem, war dieses Praktikum sehr wertvoll für meine beruflichen, sowie persönlichen Erkenntnisse und Erlebnisse. Ich empfehle euch, auf jeden Fall, zu versuchen, ein spannendes Praktikum zu finden, und vielleicht auch etwas Neues auszuprobieren. Ich selbst hätte nie gedacht, dass ich mit einer absoluten Krankenhaus-Angst einen Wert und eine Möglichkeit als klinische Psychologin zu arbeiten, entdecken könnte.

 

Und hier noch ein Video zu meinen Erfahrungen im Psychologie Praktikum in der Psychiatrie im Rahmen des Psychologie Bachelor Studiums in Innsbruck.

Julia

Ich liebe das Schreiben und schreibe, um zu leben. Ich lebe, um zu lieben und liebe, um zu sein. Ehrgeizig, organisiert, kreativ mit einer Leidenschaft fürs Tanzen. Ich glaube an das Schöne im Leben und an das Gute im Sein.